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Grenzenlose Gewalt - ein Gastbeitrag von Margit Bach

Die Silvesterkrawalle in Berlin mit der Gewalt gegen Einsatzkräfte wie Feuerwehr, Deutsches Rotes Kreuz, Polizei schockierten und ließen Fragen in uns zurück: Was bringt Menschen dazu, in dieser Weise Grenzen zu überschreiten? Und was kann man besser machen? Wie lässt sich ein Konsens über gesellschaftliche Grundwerte wiedergewinnen?

„Was Menschen dazu bringt, in dieser Weise Grenzen zu überschreiten, lässt mich nur spekulieren“, sagt Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer und fügt an: „Auch ich war sprachlos und entsetzt, als ich die Berichte sah und hörte, dass Einsatzkräfte der Feuerwehr und der Rettungsdienste angegriffen wurden“. Da seien Menschen unterwegs, um andere zu retten, ihnen zu helfen und dann müssten sie sich selbst vor Angriffen schützen oder Verletzungen erleiden. „Das ist entsetzlich!“, so die Pröpstin, „was die Angreifer zu dieser Grenzüberschreitung bringt, kann ich mir kaum vorstellen. Ob es Hass gegen staatliche Einrichtungen ist? Oder ob es ein Bedürfnis danach ist, Macht über ein Geschehnis zu haben? Ich weiß es nicht“. Auf die Frage, was man da machen könne, gebe es nur die Antwort: „Nur der Dialog kann helfen. Die Begegnung und das Teilen der jeweiligen Geschichten könnten dazu beitragen, dass eine Einsicht entsteht“. Wenn sich Einsatzkräfte und Angreifer erzählen würden, was sie erlebt haben, wenn Menschen lernen würden, dem anderen zuzuhören und den anderen wahrzunehmen, dann könnte auch wieder ein gegenseitiges Verständnis wachsen. Ein gemeinsamer Konsens über die gesellschaftlichen Grundwerte brauche aber Zeit, Geduld und ein hohes Engagement.

Karsten Klenke, Polizist im Ruhestand, erinnert sich: „1973 wurde ich als junger Streifenpolizist in Frankfurt Höchst zum ersten Mal mit dieser sinnlosen Gewalt konfrontiert“. Im Nachtdienst hätten besorgte Bürger beim 17. Polizeirevier angerufen und mitgeteilt, dass zwei betrunkene, grölende Jugendliche durch die Straßen ziehen und Außenspiegel von geparkten Pkw abtreten würden. „Wir fuhren zu der angegebenen Stelle und eine Schar von etwa zehn geschädigten Menschen empfing uns“, berichtet der Polizist im Ruhestand. Er habe die beiden normal angesprochen mit: „Guten Abend" und sei sofort mit Faustschlägen traktiert worden. „Mich würgte dann der eine am Hals, und nur durch die Hilfe eines beherzten Bürgers konnte ich mich aus der lebensbedrohlichen Situation befreien“, erinnert sich Karsten Klenke. Die beiden seien aufgrund ihres Alkoholgenusses völlig schmerzfrei gewesen und hätten erst durch die Unterstützung eines angeforderten Überfallkommandos festgenommen werden können. Beide hatten über zwei Promille Alkohol im Blut. Bei der Gerichtverhandlung sei das Verfahren eingestellt worden, weil er und sein Kollege nach Meinung des Richters es versäumt hätten, die beiden zu belehren. Auch hätten sie ihnen keinen Vorwurf einer Straftat gemacht. „Danach war mir klar, dass ich als Polizeibeamter die gesetzlichen Spielregeln einhalten muss" , so Karsten Klenke, „ansonsten habe ich den falschen Beruf gewählt. Polizeiliches Handeln und die danach getroffenen Rechtsfolgen der Gerichte sind für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar. Ohne Änderung der Regeln hat sich deshalb bis heute nichts geändert".


"Jegliche Form von Krawallen ist zu verurteilen", sagt Hans-Peter Schick, Bürgermeister a.D., "verbunden mit Angriffen auf Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdienste sind dies zugleich Angriffe auf die Menschenwürde sowie auf unseren Staat und unsere Gesellschaft". Das Strafmaß für Angriffe auf Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdienst solle deutlich spürbar verschärft werden. Die Justiz müsse bei diesen Fällen in Gericht und Vollzug entschlossen durchgreifen können. "Es geht um die Würde, die Sicherheit und die Freiheit eines jeden Menschen in unserem Land", fügt er an. Gleichzeitig sei es notwendig, dass das Grundgesetz in Schulen, am Arbeitsplatz, von den Parteien, in Vereinen sowie in Familie und Nachbarschaft aktiv gelebt werde, und zwar durch Information und Position. "Jeder ist hier gefordert. Freiheit heißt immer auch Verantwortung".

Krawalle seien nicht nur Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zum staatlichen und gesellschaftlichen Leben, sondern sie seien auch Ausdruck von Ego-Trip, Perspektivlosigkeit, nicht erfolgter Integration. Hier müsse die soziale Arbeit im Land einsetzen. "Schließlich ist darauf zu bestehen, dass jeder länger in Deutschland lebende Mensch die deutsche Sprache erlernen muss und wenn er öffentliche Leistungen beziehen will und gesund ist, auch arbeiten muss. Bei fehlender Integrationsbereitschaft und Missachtung unserer Werte und Normen sind zeitnah Konsequenzen zu ziehen".


Claus Magiera, Glasgestalter, kommentiert: „1993 hat der vor kurzem verstorbene Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay "Aussichten auf den Bürgerkrieg" von molekularen Bürgerkriegen gesprochen, in denen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen gegeneinander, aber auch gegen den Staat und seine Vertreter kämpfen“. Er habe dies unter dem Eindruck der Lichtenhagener Krawalle geschrieben, bei denen ein diffuser rechter Mob Häuser, in denen vietnamesische Immigranten lebten, anzündeten und danach die Feuerwehr mit brutaler Gewalt am Löschen der Brände hinderte. Das Spektakel habe etwa drei Tage gedauert, bis dreitausend Polizisten dem ein Ende setzen konnten.

„Damals wie gestern wie heute bestehen rund 90 Prozent dieser Mob-Haufen aus Männern zwischen 13 und 25 Jahren. Männern aus allen Gesellschaftsschichten, einheimische, eingewanderte, gerade geschlechtsreif geworden, voll Testeron, aber ohne Möglichkeit, die natürliche Wut und Aggression der Jugend auf geregelte Weise loszuwerden“, so Claus Magiera. In alten Zeiten hätten sich junge Menschen beweisen müssen: im selbstständigen Überleben, im Zweikampf, in Kriegen. Sport sei eine zivilisiertere Möglichkeit, sich abzureagieren, nur hätten nicht alle Zugang zu Sport. „Wenn ein genügend großer Haufen von unbeschäftigten Jungmännern zusammensteht, dann wird jede Gelegenheit für Rabatz wahrgenommen“, weiß Magiera, „in Frankreich brennen an Silvester jährlich hunderte von Autos in den Banlieus von Paris, Dyon, Marseille und anderen Städten, angesteckt von jugendlichen Meuten“. Konsequente Strafverfolgung mit langen Haftstrafen hätten in Frankreich nicht geholfen, und sie würden auch in der BRD nichts nutzen. „Gefängnisse sind die Universitäten der underdogs: Die Strafen müssen sich ändern. Statt Haft mehrere Monate gemeinnützige Arbeit in Altenheimen, Unfallkrankenhäusern, Hospizen und anderen sozialen Einrichtungen“, empfiehlt er.

Einen Konsens über gesellschaftliche Grundwerte, der im Wortsinn von allen gefühlt wird, habe es noch nie und nirgendwo gegeben, vielleicht hie und da in und bei ideologisch (religiös, politisch) orientierten Gruppen, Stämmen. „Es wäre aber sehr nützlich für einen möglichen Schritt zu einem Konsens, wenn die Kluft zwischen Reich und Arm wieder schmäler würde, wenn Solidarität und Empathie wieder mehr zählen als blinde Loyalität und Hedonismus“, so Claus Magiera.


„Die zunehmende Gewalt macht mir Angst“, sagt Pfarrerin Bettina Bender, „die Übergriffe an Silvester haben mich erschreckt“. Sie frage sich, was Menschen dazu bringe, in dieser Weise Grenzen zu überschreiten? „Die jungen Leute, die so etwas tun, müssen viel Wut haben“. Bei vielen jugendlichen Migranten gebe es Wut und Frustration. Das „gelobte und ersehnte Deutschland“ erfülle nicht die Hoffnung und Sehnsüchte der Jugendlichen. Das Erlernen der deutschen Sprache sei schwer. „Die jungen Erwachsenen, die nach Deutschland kommen, müssen den Deutschkurs bestehen, um eine Arbeit zu bekommen“, fügt die Pfarrerin an, „ohne Arbeit ist es schwer, eine kostengünstige Wohnung zu bekommen, wenn diese nicht vom Jobcenter finanziert wird. Es ist ein Teufelskreis. Jugendliche Migranten wollen - wie auch deutsche Jugendliche beim Heranwachsen - ihr Elternhaus verlassen. Doch das ist für viele nicht möglich“. Die Regierung müsse verstärkt in Bildung und Integration investieren. Wichtig sei die gezielte Hilfe beim Erlernen der deutschen Sprache, weiterhin Integrationskurse, in denen, deutsches Leben, deutsche Grundwerte, deutsche Kultur vermittelt würden. Das Grundbedürfnis aller Menschen sei Sicherheit, Anerkennung, Wertschätzung, ein Zuhause haben, eine Arbeit haben, soviel Geld verdienen, dass es zum Leben reicht. „Die Ungleichheiten in unserer Gesellschaft verhindern das WIR“, so Bettina Bender.

"Haben wir es nicht schon seit langem mit einer zunehmenden Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft zu tun?" fragt Dieter Langer, der 40 Jahre als Ingenieur für Immissionsschutz gearbeitet hat, "schauen wir uns nur die Hooliganszene an einem Spieltag in der Bundesliga oder die 1. Mai-Demos in manchen Städten an". Gewalttätige Querdenker-Demonstrationen, die zum Teil massiv Andersdenkende bedrohen. Kaum größere Veranstaltungen ohne Security. Dass nun auch Rettungskräfte und Feuerwehr Ziele solcher Angriffe sind, zeige aber eine neue Qualität. Die Ursachen seien vielschichtig, fest stehe aber auch, dass diese Vorfälle niemanden von den Grundlagen einer freien Gesellschaft abbringen dürfe. Zu lange habe der Kampf für unsere freie Demokratie gedauert. "Nur: Freiheit ohne Regeln und Grenze bedeutet Anarchie", so Dieter Langer. Die Gesetze müssten unbedingt zu einer schnelleren Strafverfolgung führen, auch müssten die Rettungskräfte und die Polizei alle Hilfsmittel zu ihrem Schutz und der Überführung der Täter erhalten. Und alle müssten -angefangen im Elternhaus, in den Schulen und in den Vereinen - Grenzen aufzeigen und Vorbild sein.

"Als sozial integrierter Mensch steht man diesen Gewalttaten fassungslos gegenüber", antwortet Gertrud Brendgen, Redakteurin und Gemeindevertreterin. "Der Versuch einer Erklärung: Durch das Übertreten jedweder Hemmschwelle suchen die Täter nach Bewunderung und Anerkennung innerhalb einer Gruppe von Gleichgesinnten. Beim zertrümmern eines Schutzschilds, das hierzulande jedem helfenden Menschen bedingungslos zustehe, würden die Täter Macht demonstrieren und Angst und Schrecken verbreiten. "Ich hege die Hoffnung, dass es sich um "Ausreißer" handelt und der Konsens über gesellschaftliche Grundwerte hierzulande trotz allem noch besteht. Eine Täter-Opfer-Konfrontation wäre vielleicht ein Weg, um den Tätern einen Weg zurück in die "Normalität" und den respektvollen Umgang miteinander aufzuzeigen".

"Für diese Grenzüberschreitungen sehe ich ein breites Spektrum an möglichen Ursachen", analysiert der ehemalige Berufsschullehrer Walter Lehrl, "einige davon: Fehlende gesellschaftliche Einbindung bis hin zum Leben in sozialer Anonymität - bezogen auf die Mehrheitsgesellschaft. Das Gefühl und teilweise auch die real erlebte Ausgrenzung vom Wohlstand der anderen. Erlebter Widerspruch zwischen dem ethischen Anspruch der Mehrheits-Gesellschaft und deren konkreten Handeln". Wir würden oft dazu neigen, vor diesem Widerspruch die Augen zu verschießen. Diese Personen, die teilweise real ausgegrenzt würden oder sich ausgegrenzt fühlen, würden in einem anderen Zeittakt leben. Und was könne man besser machen? "Nicht die Welt als statisch (was bisher war, ist gut und darf nicht verändert werden) sondern als Prozess einer ständigen Weiterentwicklung verstehen", rät Walter Lehrl, "in diesen Prozess der Entwicklung möglichst viele einbinden und das Weltbild der Wertschätzung offensiv und engagiert leben." Und für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen - letztlich weltweit - sorgen.

Dirk Petersen, Zahntechniker und Hauptmann der Weilburger Bürgergarde, sagt: „Kinder, Jugendliche und selbst Erwachsene suchen immer ihre Grenzen“. Ein erwachsener Mensch sollte aus seinen Erfahrungen heraus seinen Platz im gesellschaftlichen Leben finden, der junge Mensch suche die Orientierung bei den Erwachsenen. Das kleine Kind müsse die Grundbegriffe erst lernen. Er rät: "Ich halte es für wichtig, das Spielen zu fördern, dann Kinder mit Sport und den dazugehörigen Regeln vertraut zu machen. Verlieren zu lernen, weil daraus Ehrgeiz und Disziplin entstehen, kooperatives Verhalten zu fördern, um damit Gemeinsamkeiten, Stärken und Schwächen zu entdecken. Daraus entwickelt sich dann ein Sozialverhalten, wo man sich auf Augenhöhe mit Respekt begegnet". Die gesellschaftlichen Strukturen würden aber seines Erachtens nach immer noch genug Grenzen aufzeigen, die für die jungen Menschen richtungsweisend seien.

Berufsschullehrer Andreas Böttig fragt: "Welche Gründe kann es geben, Hilfskräfte anzugreifen und an ihrer Tätigkeit zu hindern? Mir fallen keine ein und mir fehlen die Worte bei diesem Verhalten. Jeder von uns kann irgendwann betroffen sein und die Hilfe dieser Personen benötigen". Als möglichen Hintergrund könne er sich einerseits den zunehmenden Egoismus vorstellen, der das persönliche "Ich" vor das gemeinschaftliche "Wir" stelle. Aber in der Neujahrsnacht scheine die Ursache vielschichtiger zu sein (Frustration, mangelndes Selbstbewusstsein, Alkohol- und Drogenkonsum, Gruppendynamik, Ablehnung der staatlichen Ordnung beispielsweise). Wichtig halte er die Vermittlung von Werten und Moral in allen Lebensbereichen. "Wir alle sollten respektvoll miteinander umgehen und anderen ein gutes Vorbild sein". Und versuchen, Personen am Rand der Gesellschaft zu einem Teil der Gemeinschaft werden zu lassen.

„Die Akteure müssen lernen, dass jede Person für ihre Handlungen Verantwortung übernehmen muss! Das schließt Bestrafungen ein!“ Dies sagt Werner Röhrig, Studiendirektor, ehemaliger Leiter des früheren Hessischen Instituts für Lehrerfortbildung in Weilburg und Schulamtsdirektor a.D. . Die Debatte um kulturelle Werte in Schule und Gesellschaft müsse fortgeführt werden: „Was Du nicht willst, das man Dir tu – das füg auch keinem Andern zu! (Kurzfassung der Ethik aller Weltreligionen)“. Er sehe aber in der gegenwärtigen Situation (Krieg in Europa, Energiekrise, Klimakrise und gesundheitliche Gefährdungen) leider für eine erneute Diskussion etwa zum Thema „Leitkultur“ keine Chance.

„Ich sehe aber nur eine kleine Minderheit (deutsche Staatsbürger und Migranten) die eine demokratische Verfassung einschließlich aller Regelungen im Alltag kategorisch ablehnt“, fährt er fort. Die Mehrheit der Neubürgerinnen und Neubürger, die wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger ihr Leben in Frieden und Freiheit leben wollten und teilweise von den Erfahrungen eines eher undemokratischen Heimatstaates herkommen, würden aus praktischen Erwägungen das Grundgesetz akzeptieren, da es den Schutz der Minderheiten garantiere, Rechte eingefordert werden könnten und es somit nützlich sei.



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